oder Entspannen durch Anspannen
Die Progressive Muskelrelaxation – von dem amerikanischen Arzt Edmund Jacobson in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entwickelt –gehört zu den wirksamsten Entspannungsmethoden
In unserer Muskulatur können wir unmittelbar die Wirklichkeit der Polarität unseres Lebens erfahren und uns bewusst machen:
Anspannen zeigt sich in der geballten Faust (der angreifende Boxer), Loslassen in der geöffneten ruhenden Hand (Menschen in meditativer Versenkung). Denken wir an Muskeln, dann assoziieren wir meist Kraft und Anstrengung. Dass unsere Muskeln auch etwas mit geistiger Entspannung zu tun haben, leuchtet auf den ersten Blick nicht ein.
Erfahren Sie dies selber, indem sie jetzt zuerst sieben Sekunden eine Faust anspannen und danach fünfmal solange loslassen und mit bewusster Achtsamkeit hineinspüren, welchen Unterschied Sie wahrnehmen.
Bei der Anspannung der Muskeln werden die einzelnen Muskelfasern wie bei einem Teleskop ineinander gezogen. Wird die Spannung gelockert, rutschen die Fasern wieder etwas auseinander. Dies bedeutet aber nicht, dass die Muskeln dann vollkommen entspannt wären. Sie werden ständig, auch während des Schlafens, durch Nervenimpulse in einer Grundspannung gehalten – Muskeltonus genannt. Bei der Arbeit geschieht das Gegenteil – der Muskeltonus steigt deutlich an.
Dies passiert aber auch bei Stress, Angst, Nervosität oder sonstiger psychischer Anspannung. Der Körper bereitet sich auf eine mögliche Reaktion vor – auf Flucht oder Kampf.
Hormone steuern unsere Körperfunktionen. Adrenalin, wird in Stresssituationen ausgeschüttet und beeinflusst u.a. die Stärke des Muskeltonus. Entspannt sich der Körper, dann liefern chemische Botenstoffe eine Information und der Alarmzustand wird beendet, die Produktion von Adrenalin verringert. Die Hormonproduktion kann in Bruchteilen von Sekunden auf Veränderungen in der Muskelspannung reagieren. Das heißt, durch bewusstes Anspannen und Loslassen von Muskeln kann auch eine geistige Entspannung erreicht werden.
Aufgrund dieser Erkenntnis entwickelte Jacobson sein Entspannungverfahren.
Unter progressiv ist hier das Voranschreiten, das immer weitere Hineingehen in das Loslassen und Lockerlassen gemeint. Dabei macht sich die Methode zu nutze, dass wir das Loslassen leichter erspüren können, wenn wir mit der Polarität des Anspannens beginnen. Es kommt hier jedoch nicht nur auf das Tun - anspannen und wieder loslassen - an, sondern ganz wesentlich auf die Achtsamkeit. Wie wir diesem Tun mit unserem Bewusstsein Aufmerksamkeit schenken.
Wir sensibilisieren uns einerseits dafür, Anspannungen bewusst wahrzunehmen, und verankern andererseits durch die Zeitspanne des Loslassens diesen Pol in unserem Bewusstsein.
Unser Organismus ist als eine Einheit zu betrachten. Psychische und somatische Komponenten sind in ihren Wechselwirkungen untrennbar. Eine psychische Spannung oder ein Angstgefühl korreliert immer mit der Anspannung verschiedener Muskelgruppen. Gelingt es, den Muskeltonus systematisch zu entspannen und diese Lockerung zu generalisieren, vermindern oder lösen sich die unangemessenen Komponenten des Beschwerdebildes.